Es gibt kein Heilmittel gegen Neugier

Es gibt kein Heilmittel gegen Neugier

Der französische Designer Gwenaël Nicolas lebt und arbeitet seit über zwanzig Jahren in Tokio. Schon lange hat er den Brennpunkt seines kreativen Werks gefunden. Designer zu sein, sagt er, sei sowohl eine Krankeit, mit dem unheilbaren Symptom nicht zu befriedigender Neugier, als auch ein Geschenk.

“Es gibt da zwei Kategorien von Leuten, die die Zukunft lenken werden können: Politiker und Designer. Der Job des Designers ist, die Zukunft zu erschaffen. Alles, was wir tun, ist wie ein Wassertropfen, der sich bis in die Unendlichkeit wellt. Stellen Sie sich bloß die Verantwortung vor und die Freiheit, die wir haben!”

In diesem Frühling wurde Ginza Six eröffnet, ein gigantisches Luxus-Einkaufszentrum im Herzen von Tokios Luxusviertel Ginza. Sein Interieur wurde von Nicolas und seinem Studio Curiosity entworfen. Er räumt ein, dass er ein bisschen nervös war, als er sich das Bauwerk das erste Mal ansah.

“Als wir alle Gerüste zum ersten Mal völlig abgebaut hatten, war meine einzige Sorge, ob wir es denn auch hinbekommen haben, Glanz zu schaffen, Strahlung. Strahlung ist der emotionale Teil der Beleuchtung. Als Designer muss man die Kreativität zwischen zwei Extremen ausdehnen: Man muss etwas wirklich Neues präsentieren, und gleichzeitig sollte aber ein Element da sein, durch das die Menschen sich wohl und behaglich fühlen. Ich kombiniere dafür strenge avantgardistische Formen und Elemente mit warmem Licht, damit die Leute sich gleichzeitig gut fühlen und gespannt auf Neues. Das nenne ich Strahlung. … Und wir haben das hinbekommen, es ist sehr eindrucksvoll und gleichzeitig fühlt man sich wie in einer weichen Wolke.”

Nicolas kam vor zwanzig Jahren nach Japan, um sein Studio “Curiosity” dort aufzubauen, weil er “in die Zukunft gehen” wollte. Seitdem hat er zukunftsweisende Shopping-Paradiese für Luxusmarken wie Louis Vuitton, Dolce & Gabanna, Fendi oder Berlutti geschaffen. Die Markenkonzerne vertrauen darauf, dass er ihre Identität und Seele ins richtige Licht setzt – gelegentlich sogar ohne jegliche Vorgaben. Er erzählt, für die Aoyama-Boutique von Dolce & Gabanna in Tokio sei das Briefing lediglich gewesen: “Überraschen Sie mich!”

Dieses Video zeigt, was dabei herauskam:

“Ich habe das Gefühl, dass man heute den Designern zu wenig vertraut. Die Rolle eines Designers ist nicht, ein Problem zu lösen. Sie besteht darin, das Potenzial innerhalb eines bestimmten Zeitrahmens und innerhalb der Grenzen eines Budgets aufzuzeigen. Wenn die Leute dem Designer vertrauen, sind sie vom Resultat oft überrascht.”

Sein Favorit ist das Gebäude, das er für sein eigenes Studio gestaltete. Ein Ort, den er als “völlig außerhalb der Regeln” beschreibt, angelehnt an die japanische futuristische Kultur.


Curiosity Studio building. Credit : Curiosity Studio

“Die Geschichte ist hier nicht linear. In Europa zerstört man etwas und schafft etwas Neues. Das ist eine Revolution. In Japan zerstört man nichts. Man legt Schichten übereinander. Nichts fällt aus der Evolution heraus. Eine neue Idee wird akzeptiert und wird zur nächsten, obersten Schicht der Geschichte”, erklärt Nicolas.

Nach dem Kapitel Ginza Six wendet er sich neuen Projekten zu, nicht nur einige derselben Größenordnung, sondern – noch streng vertraulich – ein erster Film. Mehr will er noch nicht verraten.

Wie wird man erfolgreicher Designer?
“Wenn man ein Restaurant gestaltet, sollte man sich nie ein Restaurant ansehen, wenn man einen Stuhl entwirft, sollte man nicht auf Stühle schauen. Dabei sollte man aber alles wissen, was man über Stühle oder Restaurants wissen muss.”